Vor mehr als zehn Jahren beantworteten mehrere Hunderttausend Britinnen und Briten mittleren Alters ein paar einfache Fragen. Wie oft sehen Sie Freunde oder Familie? Leben Sie allein? Wie oft fühlen Sie sich einsam? Damals waren die Antworten nur Zeilen im Fragebogen der UK Biobank, eines großen Gesundheitsforschungsprojekts.
Nun haben Forschende der Tulane University in den USA diese Antworten mit dem verknüpft, was in den folgenden Jahren mit denselben Menschen geschah. Ihre Ergebnisse, in diesem Jahr in Nature Communications erschienen, verbreiteten sich schnell unter Schlagzeilen wie „Einsamkeit raubt sechs Lebensjahre“. Die Zahl stimmt. Um sie zu verstehen, muss man aber zuerst zwei Wörter auseinanderhalten, die wir oft gleichsetzen.
Einsamkeit und Isolation sind nicht dasselbe
Die Weltgesundheitsorganisation unterscheidet so: Soziale Isolation ist der objektive Mangel an ausreichenden sozialen Kontakten – allein leben, andere selten sehen, an keiner gemeinsamen Aktivität teilnehmen. Einsamkeit ist das schmerzhafte Gefühl, das aus der Lücke zwischen gewünschten und tatsächlichen Beziehungen entsteht.
Beides fällt nicht immer zusammen. Man kann allein leben, ohne sich einsam zu fühlen. Und man kann eine große Familie, ein volles Büro und wöchentliche Treffen haben – und sich trotzdem tief einsam fühlen.
Die Studie hat beides getrennt gemessen. Isolation wurde über Fakten erfasst: allein leben, wie oft man Freunde oder Familie sieht, ob man an Gruppenaktivitäten teilnimmt. Einsamkeit über das eigene Empfinden.
Was die Studie gefunden hat
Untersucht wurden 277.489 Erwachsene zwischen 40 und 69 Jahren. Zu Beginn hatte keiner von ihnen eine von sieben großen chronischen Erkrankungen: Diabetes, Herzerkrankung, Lungenerkrankung, Demenz, Krebs, Depression oder Angststörung. Danach wurden sie viele Jahre lang begleitet.
Die Autorinnen und Autoren schätzten, wie viele Jahre nach dem 50. Geburtstag Menschen im Schnitt ohne diese Erkrankungen leben, und verglichen Gruppen. Wer zu Beginn sowohl einsam als auch sozial isoliert war, hatte weniger solcher Jahre als Menschen ohne beides:
- Jahre ohne Depression und Angst: bei Männern etwa 5,8 weniger, bei Frauen 3,7 weniger;
- Jahre ohne große körperliche Erkrankungen: bei Männern 1,7 weniger, bei Frauen 2,4 weniger.
Die „sechs Jahre“ betreffen also die psychische Gesundheit, Männer und das Zusammentreffen beider Zustände. Bei der körperlichen Gesundheit ist der Unterschied deutlich kleiner, laut den Forschenden aber ebenfalls signifikant.
Das Interessanteste steckt im Detail
Die Forschenden prüften auch, ob ein gesunder Lebensstil – Ernährung, Bewegung, Schlaf, Nichtrauchen – das Bild verändert. Die Antwort fiel für beide Zustände unterschiedlich aus.
Bei sozialer Isolation verringerten gesunde Gewohnheiten den Abstand bei den gesunden Jahren. Bei Einsamkeit nicht: Eine statistisch signifikante Abschwächung fanden die Autoren nicht.
Dieses Ergebnis ist mit Vorsicht zu lesen, deutet aber auf etwas Wichtiges hin. Isolation lässt sich womöglich teilweise durch das ausgleichen, was man selbst tut. Einsamkeit scheint anders zu wirken: Es geht nicht um Schritte oder Schlafstunden, sondern um die Qualität von Beziehungen. Studienleiter Lu Qi merkte zudem an, dass Männer in ihren Daten anfälliger für die Folgen von Einsamkeit erschienen.
Was diese Studie nicht beweist
Die wichtigste Einschränkung: Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie. Sie zeigt einen Zusammenhang, aber nicht, dass Einsamkeit Krankheiten verursacht. Der Pfeil könnte auch andersherum zeigen: Wer gesundheitlich nachlässt, zieht sich womöglich nach und nach von anderen zurück. Als nächsten Schritt nennen die Autoren klinische Studien.
Weitere Vorbehalte:
- Einsamkeit und Isolation wurden zu Beginn der Studie erhoben – obwohl sich in den folgenden Jahren viel ändern kann;
- die Teilnehmenden der UK Biobank sind Freiwillige und im Schnitt gesünder als die Gesamtbevölkerung;
- es geht um Britinnen und Briten mittleren Alters; die Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres auf andere Länder oder Altersgruppen übertragen.
Die ehrliche Zusammenfassung lautet also: Einsamkeit und Isolation hängen mit weniger krankheitsfreien Jahren zusammen, und das selbst in einer sehr großen Stichprobe. Ob der Zusammenhang ursächlich ist, bleibt offen.
Wer einsam ist: ein unerwartetes Bild
Wir verbinden Einsamkeit gern mit dem Alter. Neuere Daten erzählen etwas anderes.
Nach Schätzung der WHO (2025) betrifft Einsamkeit etwa jeden sechsten Menschen weltweit. Unter 13- bis 29-Jährigen berichten 17 bis 21 Prozent davon, am häufigsten Jugendliche.
In Deutschland zeigt das familiendemografische Panel FReDA des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (Daten aus dem Winter 2024/2025): Rund 21 Prozent der 21- bis 30-Jährigen fühlen sich stark einsam, bei den 31- bis 54-Jährigen sind es 14 Prozent. Seit der Corona-Pandemie ist die Einsamkeit junger Erwachsener kaum gesunken; das BiB spricht von einer anhaltenden Belastung und keinem „kurzfristigen Phänomen“.
In Österreich fühlten sich laut der Erhebung „So geht's uns heute“ von Statistik Austria im zweiten Quartal 2025 acht Prozent der 18- bis 74-Jährigen in den vier Wochen davor immer oder meistens einsam, bei den 18- bis 34-Jährigen zwölf Prozent. Zumindest gelegentlich einsam waren 28 Prozent – rund 1,8 Millionen Menschen.
In der Schweiz erfasst die Schweizerische Gesundheitsbefragung des Bundesamts für Statistik Einsamkeit alle fünf Jahre; die letzte Welle stammt aus dem Jahr 2022.
Ein Vorbehalt: Jede Erhebung stellt andere Fragen, die Zahlen lassen sich daher nicht direkt vergleichen. Die Richtung ist aber dieselbe.
Was die Gesellschaft tun kann
Wenn Einsamkeit nicht nur ein persönliches Problem ist, kann die Antwort auch nicht nur persönlich sein. Mehrere Staaten haben das erkannt. Großbritannien legte 2018 seine erste nationale Strategie gegen Einsamkeit vor, Japan ernannte 2021 einen Minister für Einsamkeit und Isolation.
Die Bundesregierung beschloss am 13. Dezember 2023 eine „Strategie gegen Einsamkeit“ mit 111 Maßnahmen, darunter ein regelmäßiges Einsamkeitsbarometer und eine Aktionswoche.
Die WHO betont die „soziale Infrastruktur“: Orte, an denen man sich ohne besonderen Anlass begegnen kann – Parks, Bibliotheken, Cafés, Vereine. Außerdem fordert sie, soziale Verbundenheit besser zu messen, damit Politik an Daten und nicht an Bauchgefühl geprüft werden kann.
Zugleich erinnert der britische Befund zum Lebensstil an die Grenzen einfacher Lösungen. Isolation lässt sich lindern, indem man öfter aus dem Haus geht; Einsamkeit scheint etwas anderes zu verlangen – nicht mehr Kontakte, sondern tiefere.
Was das für Leserinnen und Leser bedeutet
Das Nützlichste an dieser Studie ist nicht die Angst vor der Zahl „sechs Jahre“, sondern eine genauere Frage an sich selbst. Nicht „Wie viele Kontakte habe ich?“, sondern „Gibt es Menschen um mich, mit denen ich wirklich reden kann?“
Und eine zweite: Einsamkeit ist kein Zeichen von Schwäche und kein seltener Zustand. Jugendliche und Rentner erleben sie, in der Stadt wie auf dem Land, allein lebend oder in der Familie. Ruhig darüber zu sprechen, ist schon ein Teil der Antwort.
Dieser Artikel ist keine medizinische Beratung. Wenn Einsamkeit oder Niedergeschlagenheit lange anhalten, lohnt es sich, mit einer Fachperson zu sprechen.
Fragen zur Diskussion
- Wie unterscheiden Sie in Ihrem Leben Einsamkeit und Isolation – waren Sie schon einmal unter Menschen und fühlten sich trotzdem einsam?
- Warum berichten junge Menschen heute Ihrer Meinung nach häufiger von Einsamkeit als ältere?
- Welche Orte in Ihrer Stadt oder Ihrem Viertel helfen Menschen, sich ohne besonderen Anlass zu begegnen – und welche fehlen?
Log in or Sign up to join the discussion.