Im Juni 2017 gab Google ein Versprechen: Inhalte privater Gmail-Postfächer würden „nicht für die Personalisierung von Werbung genutzt oder gescannt“. Im Mai 2021 bekräftigte das Unternehmen auf seiner Konferenz I/O, Inhalte aus Gmail, Fotos und Drive nie für Werbung zu nutzen. In der Datenschutzerklärung stand ein schlichter Satz: „Wir zeigen Ihnen keine personalisierte Werbung, die auf Ihren Inhalten aus Drive, Gmail oder Fotos basiert.“
Am 16. Oktober 2026 bekam dieser Satz eine Fortsetzung. Jetzt heißt es: „…es sei denn, Sie entscheiden sich, Daten aus diesen Diensten anderen Google-Diensten zur Verfügung zu stellen, die personalisierte Werbung unterstützen.“
Auf den ersten Blick eine kleine juristische Korrektur. Tatsächlich zeigt sie, wie KI-Assistenten die Abmachung über Privatsphäre selbst verändern – und warum das Wertvollste an unseren Daten nicht die Mails sind, sondern die Schlüsse, die sich daraus ziehen lassen.
Was genau sich geändert hat
Die neue Regel betrifft alle, die Gmail, Kalender, Fotos oder Drive mit Personal Intelligence verbunden haben – einer Funktion des KI-Modus der Google-Suche und von Gemini. Damit kann der KI-Assistent Fragen mithilfe Ihrer persönlichen Daten beantworten: ein Ticket im Postfach finden, an einen Termin erinnern, etwas anhand Ihrer Fotos vorschlagen.
Die Datenschutzerklärung sagt nun ausdrücklich, dass die Suche „einige der Daten, auf die Sie ihr Zugriff gewähren, verarbeiten kann, um Inhalte einschließlich Werbung zu personalisieren“. Laut dem Portal Techlicious betont Google, Werbung werde nicht „direkt“ auf dem Inhalt des Postfachs oder der Fotomediathek beruhen. Die Suche darf aber Zusammenfassungen, Auszüge und Schlussfolgerungen aus diesen Daten nutzen.
Einige wichtige Details:
- Nichts ist standardmäßig aktiv. Die Dienste zu verbinden ist ein eigener Schritt, den Nutzer selbst gehen. Die Funktion gibt es nur für private Konten von Menschen ab 18 Jahren.
- Werbung im KI-Modus wird noch getestet. Laut Fachmedien hat Google Werbetests im KI-Modus für Personal Intelligence bestätigt. Es handelt sich also um frühen Einsatz, nicht um gängige Praxis.
- Sensible Kategorien bleiben tabu. Google erlaubt weiterhin keine Werbung, die nach Herkunft, Religion, sexueller Orientierung oder Gesundheit ausgerichtet ist.
- Daten verschwinden nicht sofort. Wer die Dienste trennt, behält womöglich im Suchverlauf Gespeichertes, bis er es löscht.
Warum Schlussfolgerungen wichtiger sind als Mails
Frühere Datenschutzdebatten drehten sich darum, wer Ihre Mails liest. Für Werbung – wie für viele andere Zwecke – braucht man die Mails selbst aber kaum. Wertvoll sind Schlussfolgerungen: Sie planen einen Umzug, erwarten ein Kind, suchen einen Job, fliegen oft, haben gerade ein Auto gekauft.
Ein KI-Assistent mit Zugriff auf Ihr Postfach zieht solche Schlüsse ganz selbstverständlich – sonst könnte er Ihnen nicht helfen. Die neue Regel öffnet einen Weg, auf dem ein Teil dieser Schlüsse in die Werbung gelangen kann.
Wie viel sich aus digitalen Spuren über einen Menschen erfahren lässt, haben Forschende schon lange vor den heutigen KI-Assistenten gezeigt.
Was die Wissenschaft über Schlüsse aus Daten weiß
2013: Facebook-Likes. Forschende aus Cambridge werteten Daten von rund 58.000 Freiwilligen aus, die ihre „Gefällt mir“-Angaben, demografische Daten und Ergebnisse psychologischer Tests teilten. Ein einfacher Algorithmus unterschied allein anhand der Likes in 88 % der Fälle richtig zwischen homo- und heterosexuellen Männern, in 85 % zwischen Anhängern der Demokraten und der Republikaner in den USA. Er sagte auch Persönlichkeitsmerkmale, religiöse Ansichten, Substanzkonsum und sogar eine Trennung der Eltern voraus. Die Studie erschien in der begutachteten Fachzeitschrift PNAS.
2024: Sprachmodelle. Ein Team der ETH Zürich prüfte, was große Sprachmodelle aus gewöhnlichen Reddit-Beiträgen „erraten“ können. Die Modelle bestimmten Wohnort, Einkommen, Geschlecht und andere persönliche Merkmale mit bis zu 85 % Treffsicherheit beim ersten und bis zu 95 % in drei Versuchen. Das war etwa 100-mal billiger und 240-mal schneller, als wenn Menschen dasselbe getan hätten. Anonymisierte Texte boten kaum Schutz. Die Arbeit wurde auf der ICLR vorgestellt, einer der führenden Konferenzen für maschinelles Lernen.
Beide Studien haben Grenzen: Die Freiwilligen von 2013 waren nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung, und Reddit-Beiträge sind keine privaten Mails. Doch der Kernbefund ist robust und mit verschiedenen Methoden bestätigt: Aus indirekten Daten lässt sich recht genau vorhersagen, was ein Mensch nie ausdrücklich gesagt hat.
Schlussfolgerungen nützen nicht nur der Werbung
Was folgt, ist Deutung, keine gesicherte Tatsache über Google.
Der Schluss „diese Person sucht wahrscheinlich einen neuen Job“ ist nicht nur für Werbetreibende wertvoll. Auf solchen Schlüssen beruht jede Personalisierung: welche Nachrichten zuerst erscheinen, welche Produkte empfohlen, welche Videos vorgeschlagen werden. Je besser ein System einen Menschen „versteht“, desto genauer kann es alles anpassen, was es ihm zeigt.
Dabei gibt es einen interessanten Widerspruch. In der Studie von 2013 sagte der Algorithmus gerade jene Merkmale am besten voraus, die Google für Werbung verbietet: Orientierung, politische und religiöse Ansichten. Das Verbot, nach sensiblen Kategorien zu werben, begrenzt, wie Schlussfolgerungen genutzt werden. Es hindert ein Modell aber nicht daran, sie zu ziehen.
Die Lage in Europa
In Deutschland, Österreich und dem übrigen EU-Raum prägen zwei Gesetze die Situation. Die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) regelt die Verarbeitung personenbezogener Daten und Profiling. Das Gesetz über digitale Märkte (DMA) verbietet den größten Plattformen – den „Gatekeepern“, zu denen Google gehört –, personenbezogene Daten aus verschiedenen eigenen Diensten ohne ausdrückliche Einwilligung zusammenzuführen.
In Europa hat die neue Ausnahme vorerst nichts, worauf sie sich beziehen könnte. Laut Googles eigener Seite ist die Beta von Personal Intelligence weltweit verfügbar – außer im Europäischen Wirtschaftsraum, in der Schweiz, in Großbritannien und in Nigeria. Dieselben Regionen blieben ausgenommen, als die Funktion am 20. Oktober Android Auto erreichte. Gründe nannte das Unternehmen nicht.
Für diesen Artikel haben wir die Einstellungen eines Kontos mit Google-AI-Pro-Abo in Polen geprüft. Unter den verknüpften Diensten stehen Suche, Chrome, Android, Maps, Google Play, Übersetzer, Lens, News und Shopping. Gmail und Google Fotos fehlen.
Mit Stand 25. Oktober lassen sich in diesem Konto also Mails und Fotos nicht mit dem KI-Assistenten verbinden – und damit gilt auch die neue Werbeausnahme nicht. Ob das mit europäischem Recht zusammenhängt, erklärt Google nicht.
In der Schweiz, die nicht zur EU gehört, aber ebenfalls ausgenommen ist, gilt das eigene Datenschutzgesetz. Außerhalb Europas sieht es anders aus: Personal Intelligence startete im Januar 2026 für eine begrenzte Zahl von Nutzern in den USA; im April öffnete Google die Funktion für Gemini-Abonnenten weltweit, im Mai brachte es sie in weiteren Ländern in den KI-Modus.
Was wir noch nicht wissen
- Welche Schlussfolgerungen gespeichert werden und wie lange. Die Datenschutzerklärung bleibt hier allgemein.
- Wie die Werbung aussehen wird. Die Tests laufen, öffentliche Ergebnisse gibt es nicht.
- Ob jemand diese Systeme von außen prüft. Eine unabhängige Prüfung, wie Schlüsse aus Mails die Werbung beeinflussen, gibt es bisher nicht.
- Wo es gelten wird. Regionale Einschränkungen ändern sich und betreffen Produkte unterschiedlich.
Drei plausible Szenarien
Die neue Normalität. Andere Firmen mit KI-Assistenten führen ähnliche Regeln ein, und „Hilfe gegen Schlussfolgerungen“ wird zum gewöhnlichen Tausch – wie einst „kostenlose Mail gegen Werbung“.
Das Gesetz zieht die Grenze. Regulierungsbehörden, vor allem in der EU, verlangen eine eigene Einwilligung für die Nutzung von KI-Schlussfolgerungen in der Werbung oder verbieten sie. Dann gibt es je nach Region unterschiedliche Produktversionen.
Die Nutzer entscheiden. Manche verbinden ihre persönlichen Dienste bewusst nicht mit KI-Assistenten oder wechseln zu Diensten, die Daten direkt auf dem Gerät verarbeiten. Datenschutz wird zum Wettbewerbsvorteil.
Was Sie tun können
In der EU lohnt ein Blick in die Liste der verknüpften Dienste in Ihrem Google-Konto: Dort sehen Sie, welche Dienste untereinander Daten austauschen, und dort lässt sich dieser Austausch auch abschalten.
Wer Personal Intelligence außerhalb Europas nutzt und nicht möchte, dass Schlüsse aus seinen Daten die Werbung beeinflussen, dem empfiehlt Techlicious:
- im Google-Konto Personalisierung von Suchdiensten öffnen und unter verbundenen Inhalts-Apps Google Workspace und Google Fotos trennen;
- am selben Ort personalisierte Empfehlungen abschalten;
- unter Meine Aktivitäten den Verlauf der Suchdienste suchen und löschen – das Trennen allein entfernt ihn nicht;
- beachten, dass das Abschalten personalisierter Werbung im Mein-Werbecenter laut demselben Portal nicht unbedingt verhindert, dass diese Daten zur Personalisierung der KI genutzt werden.
Die Bezeichnungen der Menüs können je nach Sprache und Land abweichen.
Und die wichtigste Regel, unabhängig von allen Einstellungen: Bevor Sie einem KI-Assistenten Zugriff auf Mails oder Fotos geben, fragen Sie sich, welche Schlüsse sich daraus über Sie ziehen lassen – und ob Sie damit einverstanden sind, dass diese Schlüsse irgendwo gespeichert werden.
Fragen zur Diskussion
- Was fänden Sie akzeptabler: ein System, das Ihre Mails liest, sich aber nichts merkt – oder eines, das Ihre Mails nie sieht, aber die Schlüsse daraus kennt?
- Halten Sie den Tausch „bequemer Assistent gegen Werbung nach Ihren Daten“ für fair? Wovon hängt Ihre Antwort ab?
- Wenn ein Modell etwas erraten kann, das Sie nie gesagt haben – spielt es dann eine Rolle, dass es „nur geraten“ hat?
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