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Warum eine Niederlage anders lehrt als das Training

Eine verlorene Partie beschäftigt uns tagelang, die Aufgabe von gestern ist nach einer Stunde vergessen. Doch sich an eine Niederlage zu erinnern heißt nicht, aus ihr zu lernen. Was die Forschung über das Lernen aus Fehlern sagt – und warum fremde Fehler manchmal mehr lehren als die eigenen.

  1. Zug, und Sie sind sicher: Der Läufer hängt. Zwei Züge später ist es matt. Diese Partie geht Ihnen tagelang nicht aus dem Kopf: der Zug, mit dem alles kippte, und dieses seltsame Gefühl, die Drohung eigentlich gesehen zu haben.

Die Gabel-Aufgabe von gestern, im zweiten Anlauf gelöst, ist dagegen schon vergessen. Man würde erwarten, dass eine Niederlage mehr lehrt: Sie tut weh, also bleibt sie hängen. Und trotzdem machen Sie eine Woche später in einer ähnlichen Stellung einen ähnlichen Fehler.

Wie kann das sein? Die Lernpsychologie gibt darauf eine überraschend vielschichtige Antwort.

Ein Fehler im Training, ein Fehler in der Partie

Beginnen wir mit einem Unterschied, der leicht übersehen wird. Im Training ist ein Fehler klein und lokal: Sie lösen eine Aufgabe falsch und sehen sofort den richtigen Zug. Es steht kaum etwas auf dem Spiel, und die Antwort liegt direkt daneben.

Eine verlorene Partie funktioniert anders. Vierzig Züge erzeugen ein einziges Signal: „verloren“. Es kommt spät, verrät nicht, wo der Fehler lag, und kratzt am Selbstwert. Psychologen würden von Feedback (einer Rückmeldung über das Ergebnis einer Handlung) ganz anderer Qualität sprechen als im Training.

Die Frage „Lernen wir aus Fehlern?“ zerfällt also in zwei. Sind Fehler überhaupt nützlich? Und können wir unsere eigenen Niederlagen nutzen?

Fehler können lehren – unter einer Bedingung

Auf die erste Frage antwortet die Forschung ziemlich sicher: ja. In einem großen Überblicksartikel von 2017 fasste Janet Metcalfe von der Columbia University die Laborbefunde zusammen. Wer einen Fehler macht und danach korrigiert wird, behält den Stoff oft besser, als wenn er gar keinen Fehler gemacht hätte.

Ein bemerkenswertes Detail heißt Hyperkorrektur-Effekt. Fehler, die mit großer Überzeugung gemacht werden, lassen sich leichter korrigieren als geratene. Eine Erklärung, die Metcalfe selbst vorschlägt, ist die Überraschung: Das „Aber ich war mir doch sicher!“ lenkt den Blick genauer auf die richtige Antwort.

Das Schlüsselwort ist „korrigiert“. Metcalfe betont: Der Nutzen entsteht nicht durch den Fehler selbst, sondern durch korrigierendes Feedback – am besten mit einem Blick auf die Überlegung, die zu ihm geführt hat.

Eine Metaanalyse von Tanmay Sinha und Manu Kapur von der ETH Zürich (2021) weist in dieselbe Richtung. Sie werteten 53 Studien mit 166 Vergleichen aus. Wenn Lernende zuerst selbst versuchten, ein Problem zu lösen, dabei Fehler machten und erst danach die Erklärung bekamen, verstanden sie das Thema im Schnitt besser und übertrugen es besser auf neue Aufgaben.

Der Effekt war moderat (g = 0,36, ein statistisches Maß für die Effektstärke). Er fiel stärker aus, wenn der Unterricht eng den Prinzipien des „produktiven Scheiterns“ folgte – vor allem, wenn die Erklärung an den Fehlern der Lernenden selbst ansetzte. Bei jüngeren Kindern (2. bis 5. Klasse) funktionierte es besser, zuerst zu erklären.

Doch eigene Niederlagen lehren weniger, als man denkt

Die zweite Frage ist schwieriger. 2019 führten Lauren Eskreis-Winkler und Ayelet Fishbach von der University of Chicago fünf Experimente mit mehr als 1600 Teilnehmenden durch. Diese beantworteten Fragen mit zwei Antwortmöglichkeiten und erhielten ein kurzes Signal: „richtig“ oder „falsch“. Da es nur zwei Optionen gab, verriet auch „falsch“ die richtige Antwort.

Trotzdem schnitten im zweiten Test diejenigen, die ein Misserfolgssignal bekommen hatten, schlechter ab als diejenigen mit Erfolgssignal. Sie wussten sogar seltener, was sie geantwortet hatten. Der Effekt blieb bestehen, als die Aufgabe vereinfacht und richtige Antworten bezahlt wurden.

Am interessantesten war, was geschah, wenn die Teilnehmenden die Antworten anderer beobachteten. Aus fremden Misserfolgen lernten sie genauso viel wie aus fremden Erfolgen.

Die Autorinnen erklärten das mit einer Bedrohung des Selbstwerts: Scheitern fühlt sich schlecht an, also wandert die Aufmerksamkeit weg. In einem Überblicksartikel von 2022 beschrieben sie zudem eine zweite, kognitive Hürde. Die Information in einem Misserfolg ist weniger direkt: Zu wissen, dass etwas falsch ist, sagt noch nicht, was richtig ist.

Im Schach wird das besonders deutlich. In einem Test mit zwei Optionen zeigt „falsch“ automatisch auf die andere. In einer Stellung mit dreißig möglichen Zügen sagt das Wissen, dass Ihr Zug schlecht war, fast nichts über den guten. Das ist unsere Deutung, kein Ergebnis der Studie – aber sie hilft zu verstehen, warum eine Niederlage allein so wenige Hinweise liefert.

Wo diese Erklärung an ihre Grenzen stößt

„Aus eigenen Misserfolgen lernen wir schlecht“ – das klingt überzeugend. Umso wichtiger ist der Hinweis, dass diese These angefochten wird.

2025 veröffentlichte Stephen Spiller in derselben Zeitschrift, Psychological Science, einen Kommentar zur Studie von 2019. Sein Argument ist technisch, aber wichtig. Wer nichts lernt und einfach dieselbe Antwort wiederholt, wird nach „richtig“ als Erfolg und nach „falsch“ als Fehler gezählt. Ein Teil des Unterschieds könnte also nicht von schlechterem Lernen kommen, sondern von der Neigung, konsistent zu antworten.

Zur Untermauerung reproduzierte Spiller einen ähnlichen Effekt sogar in einem Experiment, in dem die Teilnehmenden überhaupt kein Feedback erhielten. Derselbe Effekt zeigte sich, als er in den Daten der ursprünglichen Experimente die Bezeichnungen der Bedingungen vertauschte.

Eskreis-Winkler und Fishbach antworteten in derselben Ausgabe der Zeitschrift (November 2025). Sie räumen ein, dass die Neigung, konsistent zu antworten, die Schwierigkeiten in manchen Aufgaben erklären kann, halten aber daran fest, dass sie die Hauptergebnisse ihrer Studie nicht erklärt. Einig sind sich beide Seiten in einem Punkt: Konsistentes Antworten ist eine weitere Hürde, die man berücksichtigen muss, wenn man das Lernen aus Misserfolgen misst.

Die Frage ist also offen. Vorsichtig formuliert: Es gibt Hinweise, dass wir aus eigenen Misserfolgen weniger lernen, als wir erwarten – aber wie viel weniger und ob immer, wird noch untersucht.

Es gibt weitere Grenzen. Die meisten dieser Experimente sind kurze Quizfragen, keine Schachpartien oder Sportwettkämpfe. Und Menschen sind verschieden: Manchen gibt eine Niederlage Wut und Energie, andere wirft sie lange aus der Bahn.

Was während der Partie selbst passiert

Eine Niederlage wirkt nicht nur auf das Lernen danach, sondern auch auf das Spiel selbst. Die Ökonomen Akash Adhikari, Stanislav Anatolyev und Dmitry Dagaev analysierten 885 Partien des Tata-Steel-Turniers in Wijk aan Zee aus den Jahren 2011 bis 2020. Das sind über 64.000 Züge von Spitzenspielern mit einer Elo-Zahl zwischen 2603 und 2872. Jeden Zug bewertete die Schach-Engine Stockfish.

Das Ergebnis ist zwiespältig. Nach kleinen Ungenauigkeiten stieg die Wahrscheinlichkeit weiterer Fehler leicht – ähnlich dem, was Spieler „Tilt“ nennen. Nach einem groben Patzer dagegen spielten sie vorsichtiger, nicht nachlässiger.

Wichtig: Die Studie hat Emotionen nicht direkt gemessen und nur die Elite eines einzigen Turniers erfasst. Das Modell erklärt nur einen kleinen Teil der Unterschiede in der Zugqualität (etwa 3 %). Es ist also eher ein interessantes Detail als ein Gesetz und lässt sich nur mit Vorsicht auf Amateure übertragen.

Training liefert Antworten, die Partie stellt Fragen

Also lieber gar nicht mehr spielen und nur noch trainieren? Die Daten über Schachspieler zeigen, dass es so einfach nicht ist.

Neil Charness und Kollegen (2005) befragten zwei große Gruppen von Turnierspielern, wie sie ihre Schachzeit verbrachten. Am stärksten mit der Wertungszahl verbunden war das ernsthafte Studium allein: Partien analysieren, Aufgaben lösen, Theorie lernen. Auch Turnierpraxis und Unterricht hingen mit der Spielstärke zusammen, aber schwächer.

Zusammen erklärten die verschiedenen Tätigkeiten etwa 40 % der Leistungsunterschiede. Großmeister hatten in ihrem ersten Jahrzehnt ernsthaften Spiels im Schnitt rund 5000 Stunden allein studiert – etwa fünfmal so viel wie Spieler mittleren Niveaus.

Diese Daten sind korrelativ und beruhen auf den Erinnerungen der Spieler; sie können nicht beweisen, dass das Studium die Spielstärke verursacht. Doch sie passen gut zu allem bisher Gesagten. Die Partie liefert das Material: konkrete, oft schmerzhafte Fragen. Die Antworten entstehen bei der Analyse, nicht im Moment der Niederlage.

Was sich daraus machen lässt (ohne Versprechen)

Nichts davon garantiert einen Erfolg. Die folgenden Ideen ergeben sich logisch aus der Forschung, wurden aber nicht eigens an Schachspielern geprüft.

  • Trennen Sie Niederlage und Analyse. Wenn Scheitern die Aufmerksamkeit ablenkt, ist der Moment direkt nach der Niederlage nicht der beste für eine Analyse. Eine Stunde später oder am nächsten Tag darauf zurückzukommen, ist völlig in Ordnung.
  • Betrachten Sie die Partie, als wäre es die eines anderen. In der Studie von Eskreis-Winkler und Fishbach lernten die Teilnehmenden aus fremden Misserfolgen ebenso viel wie aus fremden Erfolgen. Ob das auch mit der eigenen Partie funktioniert, wurde nicht geprüft – aber ein Versuch kostet nichts.
  • Suchen Sie die Züge, bei denen Sie sich sicher waren. Laut der Forschung zur Hyperkorrektur lassen sich gerade überzeugt begangene Fehler am besten korrigieren, sobald man die richtige Antwort sieht.
  • Notieren Sie nicht „was schiefging“, sondern „was ich hätte spielen sollen“. So überwinden Sie die kognitive Hürde: Aus einem vagen „schlecht“ wird eine konkrete Alternative.

Ein kleines Experiment: Suchen Sie nach Ihrer nächsten verlorenen Partie nur einen Moment, in dem Sie sich am sichersten waren, und finden Sie heraus, was stärker gewesen wäre. Keine vollständige Analyse – ein Zug. Und achten Sie darauf, ob Sie sich eine Woche später noch daran erinnern.

Fragen zur Diskussion

  1. Denken Sie an eine Niederlage, die Ihnen wirklich etwas beigebracht hat. Was geschah zwischen der Niederlage selbst und dem Moment, in dem Sie die Lektion verstanden?
  2. Fällt es Ihnen leichter, fremde Partien zu analysieren als Ihre eigenen? Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
  3. Manchmal motiviert eine Niederlage, manchmal nimmt sie die Lust am Spielen. Wovon hängt das Ihrer Erfahrung nach ab?

Sources

  1. Not Learning From Failure—the Greatest Failure of All — Psychological Science, 2019-11-08
  2. Commentary on Eskreis-Winkler and Fishbach (2019): A Tendency to Answer Consistently Can Generate Apparent Failures to Learn From Failure — Psychological Science, 2025-04-21
  3. Reply to "A Tendency to Answer Consistently Can Generate Apparent Failures to Learn From Failure" — Psychological Science
  4. You Think Failure Is Hard? So Is Learning From It — Perspectives on Psychological Science
  5. Learning from Errors — Annual Review of Psychology
  6. When Problem Solving Followed by Instruction Works: Evidence for Productive Failure — Review of Educational Research, 2021-06-18
  7. The role of deliberate practice in chess expertise — Applied Cognitive Psychology
  8. Do Mistakes Provoke New Mistakes? Evidence From Chess — IEEE Transactions on Games

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